Heine und seine Familie

    Mutter Betty         Onkel Salomon                      
                                     
    Großvater Gottschalk         Amalie                      
                                     
    Onkel Simon         Charlotte                      
                                     
    Großonkel Simon         Gustav                      
                                     
    Vater         Maximilian                      
                                     
                                     
                                     
                                     

 

Die Frau Mama und ihre Familie

Heines Mutter war Peierche (Betty) van Geldern (1771 - 1859) aus Düsseldorf. Die Familie van Geldern war eine ehemals bedeutende jüdische Famile aus Geldern am Niederrhein. Daher der Name, der eigentlich kein Adelstitel war. Betty Heine war eine sehr kluge und gleichzeitig warmherzige Frau. Und es ist gewiss am besten, Heine selbst zu hören, der sehr an seiner Mutter hing.

"Sie selbst hatte eine gelehrte Erziehung genossen und war die Studiengefährtin eines Bruders gewesen, der ein ausgezeichneter Arzt ward, aber früh starb. Schon als ganz junges Mädchen musste sie ihrem Vater die lateinischen Dissertationen und sonstige gelehrte Schriften vorlesen, wobei sie oft den Alten durch ihre Fragen in Erstaunen setzte."

Zur Erklärung muss gesagt werden, dass Gottschalk van Geldern, Bettys Vater, ein berühmter und auch wohlhabender Arzt war. Er bemühte sich, stets die neuesten Heilmethoden und Medikamente zu kennen und auch anzuwenden. Und er musste deswegen laufend die jüngsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen seines Faches studieren.

Klug war Heines Mutter aber auch willensstark und entschlossen. Es war ihre feste Absicht, alles, was ihr möglich war, zu tun, damit ihr Sohn Harry etwas Erfolgversprechendes aus seinem Leben machte. Vor allem aber musste sie verhindern, dass er Dichter wurde.

"Letztere [Betty] war überhaupt nicht damit zufrieden, daß ich Verse machen lernte, und seien es auch nur französische. Sie hatte nämlich damals die größte Angst, daß ich ein Dichter werden möchte; das wäre das Schlimmste, sagte sie immer, was mir passieren könne.

Die Begriffe, die man damals mit dem Namen Dichter verknüpfte, waren nämlich nicht sehr ehrenhaft, und ein Poet war ein zerlumpter, armer Teufel, der für ein paar Taler ein Gelegenheitsgedicht verfertigt und am Ende im Hospital stirbt."

Wer damals im Hospital starb, war in aller Regel ein ganz armer Mensch, der nichts und niemanden hatte, der für ihn sorgen konnte. Entsprechend waren die Verhältnisse in den Hospitälern, von denen wir uns heute keine Vorstellung mehr machen können. Wer eine Familie hatte, ob Bauer oder Bürger, ließ sich von seinen Angehörigen pflegen, kamen einmal Krankheit und Not.

Einstweilen plante Betty die Zukunft ihres Sohnes. Und diese Planungen konnten natürlich nicht gradlinig sein. Juden konnten in den deutschen Staaten beileibe nicht machen, was sie wollten. In Preußen gab es beispielsweise noch im 17. und 18. Jahrhundert sechs Klassen von Juden, von denen nur die Mitglieder der höchsten so etwas wie ein normales Leben führen konnten. Von der ersten bis zur sechsten Klasse gab es wachsende Beschränkungen. Es begann damit, dass Juden nur ganz wenige Berufe ergreifen konnten. Sie hatten keinen Zutritt zu den Kaufmannsgilden und durften kein Zunfthandwerk ausüben. Sie mussten viel höhere Steuern bezahlen als ihre christlichen Mitbürger und längst nicht alle hatten ein dauerndes Wohnrecht.

Jedermann kannte den Begriff Schutzjude. Das war ein jüdischer Bürger, der unter dem Schutz des jeweiligen Fürsten stand, der deshalb besondere Dienste und Abgaben zu leisten hatte und dennoch nicht die Rechte eines christlichen Bürgers genoss. Oft waren es Schutzjuden, die den Fürsten die Kriege vorfinanzierten. Denn Uniformen, Waffen, Verpflegung, Sold und alles was zu so einem Krieg gehört, kostete natürlich auch damals Geld und das musste irgendwie beschafft werden. Der normale Staatsschatz gab das nicht her und christliche Bankiers weigerten sich oft, Kredite zu geben, weil es wohl nicht selten vorkam, dass ein Fürst einfach nicht zurückzahlte. Juden aber konnte man pressen. In ihrer Situation waren sie auf das Wohlwollen ihres Fürsten angewiesen. Und sie taten natürlich, was von ihnen verlangt wurde. Was blieb ihnen übrig?

Erst mit dem Siegeszug der französischen Revolution änderten sich diese Verhältnisse schlagartig. Die Grundsätze von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden auch auf die Juden ausgedehnt. Und überall, wo Napoleon herrschte, verbesserten sich die Lebensverhältnisse der Juden, auch im Rheinland, in Düsseldorf, wo Betty Heine die Lebensplanung ihres Sohnes Harry übernommen hatte.

Ihre erste Idee war es, Harry auf eine hohe Position am Hofe Napoleons vorzubereiten. Als sich das wegen des Falls Napoleons zerschlug, musste Harry diejenigen Dinge lernen, die für eine Karriere im Bankgewerbe oder bei einem großen Handelshaus nötig sind. Sie schickte ihn dazu nach Frankfurt, wo er, wie wir heute sagen würden, ein Praktikum in einer Bank und in einem Handelshaus zu absolvieren hatte. Beides hat der junge Heine wohl nicht mit dem nötigen Ernst betrieben. Deswegen ist ihm auch kurz und direkt Unfähigkeit bescheinigt worden.

Damals wie heute gab es Menschen, denen Höheres in die Wiege gelegt wurde, zuweilen jedoch in einem tief verborgenen Winkel der Wiege. Wenn nun nach allgemeiner Überzeugung Talente vorhanden sind, aber niemand so recht weiß, welchen parktischen Zweck sie veredeln sollen, sagt man im allgemeinen: Der wird Jurist.

So auch Harry Heine.

"Sie [Heines Mutter] hatte nämlich bemerkt, wie längst in England, aber auch in Frankreich und im konstitutionellen Deutschland der Juristenstand allmächtig sei und besonders die Advokaten durch die Gewohnheit des öffentlichen Vortrags die schwatzenden Hauptrollen spielen und dadurch zu den höchsten Staatsämtern gelangen. Meine Mutter hatte ganz richtig beobachtet."

Heine selbst hasste sein Jurastudium inbrünstig und hat auch nie einen Hehl daraus gemacht.

Aus der Familie van Geldern gab es noch zwei Menschen, die für Heines Entwicklung eine besondere Rolle spielten. Einer der beiden war sein Onkel Simon, der in der Mertensgasse 1, der Arche Noä wohnte, und der andere war sein Großonkel, ebenfalls Simon.

Onkel Simon war offenbar ein Kauz. Verschroben würden wir ihn heute nennen. Er hatte nach der standesgemäßen Ausbildung in einem Jesuitenkolleg kein weiteres Studium gemacht, hatte wohl auch von seinem Vater bescheidene finanzielle Mittel ererbt, die ihn unabhängig machten. Er lebte etwas abgeschieden in der Mertensgasse und schrieb zuweilen für politische Tageszeitungen und Zeitschriften, die Heine als obskur bezeichnete. Er hatte aber in seinem Haus eine ungewöhnlich große Büchersammlung. Und alles durfte der junge Harry erkunden.

"Er [Onkel Simon] beschenkte schon den Knaben mit den schönsten kostbarsten Werken; er stellte zu meiner Verfügung seine eigene Bibliothek, die an klassischen Büchern und wichtigen Tagesbroschüren so reich war, und er erlaubte mir sogar, auf dem Söller der "Arche Noä" in den Kisten herumzukramen, worin sich die alten Bücher und Skripturen des seligen Großvaters befanden. "

Und hier auf dem Söller der Arche Noä machte Harry seinen wichtigsten Fund: Ein Tagebuch. Und was für ein unvermuteter Schatz!

Das Tagebuch seines Großonkels Simon von Geldern.

Dieser Mann war offenbar weit in der Welt herumgekommen, vor allem im Orient, wo er von den Portugiesen das Handwerk des Waffenschmieds erlente. Die Abenteuer des Großonkels ergriffen ihn so sehr, dass er sich oft in dessen Rolle versetzte und sein Leben förmlich nachlebte. Weltenbummler, Hofedelmann, Waffenschmied, Kreuz- und Wallfahrer, aber auch Schreiber aufregender Berichte, der nach vielen orientalischen Jahren sein Leben in England beschloss. Das war Heines Großonkel, der wie kein anderer die Phantasien des jungen Harry Heine beflügelte.

 

Der Herr Papa und seine Familie

Heines Vater war der Textilkaufmann Samson Heine aus Hannover (1764 - 1828). Er hatte in Hamburg zwei Brüder, von denen der eine der schwerreiche Bankier Salomon Heine war.

Die Familie kam eigentlich aus Bückeburg. Mit den van Gelderns war sie entfernt verwandt. Heines Großmutter Mathe Eva Popert stammte aus Altona, daher auch der Sitz der Familie um Salomon Heine in Hamburg. Samson kam ohne großes Vermögen nach Düsseldorf und heiratete Betty (Peira) van Geldern gegen den erklärten Widerstand der jüdischen Gemeinde, die keine mittellosen Zuwanderer dulden mochte. Die Ehe wurde 1797 geschlossen.

Mittellos heißt in diesem Zusammenhang nicht, dass er ärmlich ankam. Immerhin begleiteten ihn 12 Gäule und auch Jagdhunde, was auf einen beträchtlichen Wohlstand schließen lässt.

Samson Heine war Kaufmann, er tat sich bei der Armenpflege hervor und er war Offizier bei der Bürgerwehr. Und was für ein Offizier! Selten hat die Bürgerwehr wohl so viel Begeisterung ausgelöst wie bei Samson Heine.

"Aus der Feldlagerperiode meines Vaters stammte auch wohl seine grenzenlose Vorliebe für den Soldatenstand oder vielmehr für das Soldatenspiel, die Lust an jenem lustigen müßigen Leben, wo Goldflitter und Scharlachlappen die innere Leere verhüllen und die berauschte Eitelkeit sich als Muth gebärden kann. ... ...

Die Hauptsache erschien ihm die Wachtparade, das klirrende Wehrgehenke, die straffanliegende Uniform die so kleidsam für schöne Männer. Wie glücklich war daher mein Vater als zu Düsseldorf die Bürgergarden errichtet wurden und er als Offizier derselben die schöne dunkelblaue, mit himmelblauen Sammetaufschlägen versehene Uniform tragen konnte und an der Spitze seiner Colonnen unserem Hause vorbeydefilieren konnte. Vor meiner Mutter, welche erröthend am Fenster stand, salutirte er dann mit allerliebster Courtoisie; der Federbusch auf seinem dreyeckigen Hute flatterte da so stolz und im Sonnenlicht blitzten freudig die Epauletten.

Noch glücklicher war mein Vater in jener Zeit, wenn die Reihe an ihn kam, als kommandirender Offizier die Hauptwache zu beziehen und für die Sicherheit der Stadt zu sorgen. An solchen Tagen floß auf der Hauptwache eitel Rüdesheimer und Asmannshäuser von den trefflichsten Jahrgängen, alles auf Rechnung des kommandirenden Offiziers, dessen Freygebigkeit seine Bürgergardisten, seine Creti und Pleti, nicht genug zu rühmen wußten.

Auch genoß mein Vater unter ihnen eine Popularität, die gewiß so groß war wie die Begeisterung womit die alte Garde den Kaiser Napoleon umjubelte. Dieser freilich verstand seine Leute in anderer Weise zu berauschen. Den Garden meines Vaters fehlte es nicht an einer gewissen Tapferkeit, zumal wo es galt, eine Batterie von Weinflaschen, deren Schlünde vom größten Kaliber, zu erstürmen. Aber ihr Heldenmut war doch von einer anderen Sorte als die, welche wir bei der alten Kaisergarde fanden. Letztere starb und übergab sich nicht, während die Gardisten meines Vaters immer am Leben blieben und sich oft übergaben.

Was die Sicherheit der Stadt Düsseldorf betrifft, so mag es sehr bedenklich damit ausgesehen haben in den Nächten wo mein Vater auf der Hauptwache kommandirte. Er trug zwar Sorge Patrouillen auszuschicken, die singend und klirrend in verschiedene Richtungen die Stadt durchstreiften. Es geschah einst daß zwey solcher Patrouillen sich begegneten und in der Dunkelheit die Einen die Andren als Trunkenbolde und Ruhestörer arretieren wollten. Zum Glück sind meine Landsleute ein harmlos fröhlich Völkchen, sie sind im Rausche gutmüthig, ils ont le vin bon, und es geschah kein Malheur, sie übergaben sich wechselseitig."

 

Mitte 1816 begann Heine eine Banklehre in Hamburg. Sein Onkel Salomon, der dort lebte und ein eigenes Bankhaus besaß, unterstützte ihn dabei. Für Harry Heine war das nur ein Job, wie wir heute sagen würden, alles andere als seine Berufung. Heine war nicht gemacht für einen bürgerlichen Beruf. Er wusste das und wurde nicht müde, es alle anderen auch wissen zu lassen. Indessen hatten die Hamburger Tage eine unvermutete Attraktion für Heine:

Amalie!

In Hamburg gab es drei Cousinen, die er wohl alle sehr mochte, aber besonders Amalie. Regelrecht verliebt hat er sich in sie, sagt man jedenfalls. Heine selbst hat dazu nie ein Bekenntnis abgegeben.

1819 machte Samson Heine u.a. aus Gründen einer sich langsam abzeichnenden schweren Krankheit Bankrott mit seinem Düsseldorfer Geschäft und zog seinen Sohn Harry in der Hamburger Filiale Harry Heine & Comp. mit hinein. Samson Heine wurde später entmündigt. Im Wintersemester des gleichen Jahres begann Heine, an der Universität Bonn Jura zu studieren. Nach dem geschäftlichen Untergang des Vaters zog die Familie nach Lüneburg. Im Jahre 1828 starb Samson Heine nach schwerer Krankheit.

Die Geschwister

Samson und Betty Heine hatten vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Harry war das älteste der vier Kinder. Ihm folgte seine Schwester Charlotte (1803 – 1899), als er schon sechs Jahre alt war. Sie hat er offenbar innig geliebt. So schreibt er z.B. an Karl Immermann:

Ich kann nicht umhin, Ihnen zu bemerken, dass Letztere, Frau von Embden (geb. Heine), unsäglich von mir geliebt wird, daß ich ihr mit zärtlichen Gefühlen, wie sie bei Brüdern selten sind, zugethan bin, und daß ich jede Freundlichkeit, die sie dem lieben Wesen Gelegenheit hätten zu erzeigen, weit inniger und dankbarlicher empfinden werde, als das, was mir selbst erzeigt wird. (Helgoland, 10. August 1830)

Zeit seines Lebens hat er eine besondere Beziehung zu seiner Schwester gehabt, die später einen Schwager seines Onkels Salomon in Hamburg heiratete.

Ein Jahr nach Charlotte wurde Gustav geboren. Von ihm wissen wir, dass er der spätere Herausgeber des Fremdenblatts in Wien war. Gustav benannte seinen Sohn nach seinem Bruder Heinrich. Das Verhältnis zwischen den Brüdern war aber nicht immer ungetrübt. Der jüngste Bruder Harrys war Maximilian (1805 – 1879), der später Arzt in Petersburg wurde und in vielen Situationen Harrys Ratgeber.